Wie die Müllgeige gewachsen ist

Ja, meine Müllgeige ist gewachsen. Fast wie eine Blume: erst sieht man gar nichts, dann einen kleinen grünen Spross und irgendwann, nach mehrereren Monaten blüht sie…

Der erste Versuch waren zwei Weidenstöcke, bespannt mit Schnur. Es kam aber kein Ton heraus – die Schnur war wohl zu glatt. Also wurde die beiden Schnüre mit der Schere etwas aufgeraut, damit sie sich etwas ineinander verhakten. Es klang, als ob zwei Schnüre aneinander scheuern…

Einen Monat später gab mir ein Kollege eine Gitarrensaite. Ich spannte sie auf einen Haselnussstock. Der Ton war leider etwas leise, weswegen ich eine Makrelenbüchse als Resonanzkörper hinzufügte. Die Büchse war zum Glück viereckig, sodass ich sie problemlos unter die Saite klemmen konnte.

Beim Versuch, darauf zu spielen merkte ich, dass ich sehr lange brauchte, um die Saite herunterzudrücken. Der Weg zwischen der Saite und dem Stab war wohl zu lang: ein Griffbrett musste her.

Es dauerte etwas, bis das Griffbrett fertig war, weil man es ziemlich gerade und glatt sein musste. Die Saite darf nicht gegen das Griffbrett schlagen, sonst schnarrt der Ton. Das Griffbrett war dann irgendwann fertig und auf den Stab genagelt.

Ich versuchte etwas zu spielen und merkte recht schnell, dass es gar nicht so einfach war, ohne Bünde die entsprechenden Töne zu treffen. Also wurden ein Stimmgerät geholt und die entsprechenden Stellen gepunktet – rot für die „weißen Tasten“ und blau für die „schwarzen Tasten“… Irgendwann spannte ich noch eine zweite Saite dazu.

Die Punkte sind immer noch da, auch wenn es mittlerweile vier Saiten geworden sind…

Die Idee mit der Geige hatte ich aufgegeben, weil es mir unmöglich erschien, einen funktionierenden Bogen zu bauen. Ich dachte, man bräuchte Pferdehaar, damit die Sache funktioniert, bis mir dann einfiel, dass Drehleierspieler es ja auch ohne Pferdehaare hingekommen. Das Geheimnis hieß Kolophonium. Die Drehleierspieler bestreichen ihr Holzrad mit dem Harz, damit das Rad etwas an der Saite kleben bleibt und sie so zum Klingen bringt. Vielleicht könnte man auch einen Stock glatt machen und ihn mit Kolophonium einreiben. Die Stöcke wurden nicht glatt genug, sodass letzlich die Wahl auf ein Stück Plastik fiel, dass ich mit der Papierschneidemaschine gerade schnitt. Um es etwas zu stabilisieren wurde noch etwas Holz aufgeklebt. Fertig war der „Bogen“! Es sah dann etwa so aus:

Die Geige kratzte ziemlich, aber das war nicht so wichtig – sie funktionierte! Nachdem ich die Saiten noch etwas gespannt hatte, wurde sie sogar noch etwas lauter.

Irgendwann habe ich sie einer richtigen Geigenbauerin gezeigt. Wir haben die Müllgeige auch mit einem richtigen Geigenbogen ausprobiert: sie war immernoch sehr leise, aber hat nicht mehr so gekratzt. Ich habe gelernt, dass es bei einer Geige sehr wichtig ist, dass der Resonanzkörper (also die Büchse) gut schwingen kann. Am besten eignet sich Holz; Metall ist etwas schlechter und Plastik ist ganz schlecht. Ich wollte aber die Makrelenbüchse behalten, weil mir der Anarcholook meiner Geige gefiel. Zum Schluss gab sie mir noch einige Gitarrensaiten und sogar ein paar alte Bogenbespannungen aus Pferdehaar. Da konnte ich jetzt sogar richtige Bögen bauen!

Danach habe ich meine Geige nochmals ziemlich verändert. Sie sieht jetzt so aus:

Ich habe eine neue, etwas größere Büchse genommen. Statt sie einfach unter die Saiten zu klemmen, habe ich Löcher in den Boden gemacht und die Saiten durch die Löcher gezogen. Das hat den Klang nochmal enorm verbessert, da die Schwingung der Saite in der Mitte des Dosesbodens wesentlich besser übertragen wird als am Rand. Außerdem konnte ich die Löcher in verschiedenen Höhen hineinhämmern, sodass ich vier Saiten aufziehen konnte. Fehlende Saitenstärken ergänzte ich durch Nylonschnur aus dem Baumarkt. Die Abstände zwischen den Saiten sind: Oktave-Quinte-Quinte. Zudem befestigte ich die Saiten an einem Ende mit Schrauben, damit ich sie stimmen kann.

Für den Bogen habe ich einen gebogenen Stock genommen und ihn längs an den Enden einige Zentimeter eingeschnitten. In die Schnitte habe ich die Bogenhaare eingeklemmt und die beiden Hälften hinter den Bogenhaaren mit einem Gummi wieder zusammengeklemmt. Zum Spannen des Bogens schiebe ich beim Spielen meinen Daumen zwischen Stange und Bespannung:

Über Geigenbögen gibt es auch einen eigenen Artikel.

Die beiden äußeren Saiten habe ich leider etwas zu tief gebohrt, sodass sie momentan nicht spielbar sind. Vielleicht werde ich irgendwann die Sardinenbüchse austauschen und die äußeren Saiten etwas höher setzen. Den Bogen könnte ich auch etwas abschleifen und die überstehenden Enden etwas kürzen, damit der leichter und wendiger wird.

Zwei Saiten im Quintabstand sind auch schon super. Die chinesische Er-hu hat gar nicht mehr und man kann ganz tolle Musik damit machen: http://www.youtube.com/watch?v=ejnrt0s5ZTY

Momentan versuche ich, auf der Müllgeige spielen zu lernen. Es ist gar nicht so einfach, die Griffhand und die Bogenhand koordiniert zu gekommen. Außerdem sieht man beim Spielen die Punkte nicht mehr. Eine Seite, die mir sehr dabei hilft: http://penzeng.de/Geige/Inhalt.htm

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Über klangsuche

Während meinem FÖJ hatte ich ein Projekt über "musique verte": Wie stelle ich aus Naturmaterialien und Abfall Musikinstrumente her? Meine Erfahrungen damit möchte ich in dem Blog mit anderen teilen.
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